Mehr Geld für Personal statt Nacktscanner!
19.01.2010
Im Wortlaut:
Sehr geehrte Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren!
Bis
vor wenigen Monaten war ich als Thüringer Polizeibeamter mit den
praktischen Angelegenheiten des öffentlichen Dienstes konfrontiert.
In
der täglichen Zusammenarbeit mit den Einrichtungen des Bundes und der
Kommunen wurde eines deutlich: das gemeinsame Problem des
schleichenden, aber stetigen Personalabbaus, der sich nicht an der
tatsächlichen Aufgabenlage orientiert, sondern auf Sparvorgaben beruht.
Ob Katastrophenschutz oder Bundespolizei, unter dem Schlagwort
„Kosteneffizienz“ ist der Anteil, den die Personalausgaben im
Bundeshaushalt ausmachen, auf 9 Prozent gesunken; sie liegen damit auf
dem niedrigsten Stand in der Geschichte der Bundesrepublik.
Kosteneffizienz
kann mit Blick auf die Praxis nicht der dominierende Faktor sein,
sondern muss nach Faktoren wie Aufgabenquantität und Erfüllungsqualität
betrachtet werden.
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)
Der Katastrophenschutz gilt als zivile Aufgabe. Das THW
– das wurde gesagt – bewältigt mit seinen haupt- und ehrenamtlichen
Mitarbeitern einen großen Teil dieses Auftrages. Mittlerweile ist die
hauptamtliche Struktur des THW jedoch so weit zusammengestrichen
worden, dass es immer schwieriger wird, den ehrenamtlichen Teil in
ausreichender Qualität aufrechtzuerhalten.
Ihr Haushaltsentwurf
bewahrt einen unbefriedigenden Tiefstand und bringt keine Besserung.
Warme Worte helfen dem THW relativ wenig. Hier sind mehr Mittel gefragt.
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)
Die Fehlentwicklungen bei der öffentlichen Sicherheit
werden an einem aktuellen Thema besonders deutlich. Alle reden von der
Sicherheit an den Flughäfen; es werden viele Mängel aufgezeigt, aber
auch Lösungen diskutiert. Auf welche Lösungsvorschläge kommt man dabei?
Es wird vorgeschlagen, Nacktscanner anzuschaffen.
Entschuldigung!
Wie ich erfahren habe, nennen einige dieses Gerät mittlerweile
„Körperscanner“. Dann ist es ja nicht mehr ganz so schlimm wie vor
einigen Monaten, als auch die FDP-Fraktion noch gegen diese Geräte war.
Aber
lassen wir für einen Moment die Beeinträchtigung der
Persönlichkeitsrechte der Betroffenen beiseite. Wir führen ja eine
Haushaltsdebatte, und da geht es ums Geld. Gegenwärtig bevorzugt man
mehr preiswerte Sicherheitsdienste an Flughäfen statt geschultes
Personal der Bundespolizei. Das funktioniert offensichtlich nicht ganz,
und so soll aufwendige Technik das Problem lösen. Die Frage ist: Kann
das funktionieren?
Wenn wir die praktische Eignung dieser Technik
betrachten, muss ich Ihnen ehrlich sagen, dass diese Idee schlecht
abschneidet. Potenzielle Terroristen können sich auf den Einsatz dieser
Geräte einstellen und Gegenmaßnahmen ergreifen.
Ein solches Gerät
ist berechenbar. Wie wir wissen, können Stoffe auch in Körperöffnungen
versteckt werden. Wer die Praxis kennt, der weiß, dass das zum Beispiel
im Bereich des Drogenschmuggels eine gängige Methode ist. Der Scanner
wird in diesem Fall zu einer unnützen Belastung für die Passagiere,
sorgt aber nicht mehr für ausreichende Sicherheit.
(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was schlagen Sie vor?)
Herr
Minister, wenn Sie mir das Ganze vielleicht nicht glauben wollen, dann
sehen Sie sich die Sicherheitsvorkehrungen auf Israels Flughäfen an.
Natürlich
gibt es da auch Technik. Zentrales Element ist aber hervorragend
geschultes Personal. Der frühere Sicherheitschef des
Ben-Gurion-Airports in Tel Aviv hat die Einführung von Nacktscannern in
Europa der Presse gegenüber eine „lächerliche Sicherheitsshow“ genannt.
Dem ist kaum etwas hinzuzufügen.
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)
Meine Damen und Herren, ich kann Sie nur um eines bitten: Geben Sie für einen solchen Unsinn kein Geld aus! Setzen Sie an den Flughäfen und Bahnhöfen wieder mehr erfahrene und gut ausgebildete Beamte ein! Diese sind qualifiziert, kreativ und vor allen Dingen für potenzielle Täter nicht berechenbar.
(Beifall bei der LINKEN)
Herr Minister, auch ich möchte noch eine Anmerkung zum Thema Rechtsextremismus
machen. Parteien dieser Prägung sitzen mittlerweile in Landtagen oder
scheitern wie bei uns in Thüringen nur sehr knapp daran, in den Landtag
einzuziehen.
Ich hoffe, Sie stimmen mir zu, dass wir im Kampf
gegen den Rechtsextremismus nicht nachlassen dürfen, auch nicht was die
finanzielle Ausstattung dieser Arbeit angeht. Die im Koalitionsvertrag
angekündigte Ausweitung dieser Programme auf andere Bereiche droht aber
zu einer solchen Kürzung zu werden.
Erst im November haben Sie der
Süddeutschen Zeitung gegenüber erklärt: Es wird keine Kürzungen geben.
– Wir werden Sie an diesem Zitat messen.
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)
Auch wenn das Thema schon genannt ist, möchte der Wichtigkeit halber auch ich etwas zu dem Thema „Migration und Integration“
hinzufügen. Die Integrationskurse sind trotz der Mittelerhöhungen nach
wie vor strukturell unterfinanziert und weisen infolgedessen erhebliche
Qualitätsmängel auf, was sich unter anderem in ungenügenden
Erfolgsquoten von nur 50 Prozent ausdrückt.
Die wichtige Arbeit
der Sprachförderung müssen hochqualifizierte Honorarkräfte häufig für
beschämend niedrige Entlohnung leisten. Es kann nicht sein, dass der
Bund für Integrationsmaßnahmen, obwohl diese angeblich höchste
Priorität haben, nur unzureichend Mittel bereitstellt.
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)
Herr
Innenminister, Sie sind in den vergangenen Wochen häufig für wesentlich
moderatere Töne im Vergleich zu Ihren Vorgängern gelobt worden. Für
mich zählen aber die Fakten. Mit dem Haushalt wird die Richtung für
Ihre Politik vorgegeben.
Insofern kann ich nur feststellen, dass
Sie zwar eine andere Melodie wählen; der Text ist aber der Ihrer
Vorgänger. Sie werden das möglicherweise auch gut finden. Die Linke
lehnt diesen Kurs ab.
(Beifall bei der LINKEN)
Vizepräsidentin Petra Pau:
Kollege Tempel, das war Ihre erste Rede im Deutschen Bundestag. Zu diesem Ereignis wie auch zu Ihrem Geburtstag, den mit uns heute hier zu feiern Sie sich entschlossen haben, gratulieren wir Ihnen sehr herzlich.
(Beifall)
